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Über die Entstehung meines Romans:



Tanz ins letzte Drittel

Endlich einen Roman schreiben, möglichst einfach und klar aufgebaut, spannend und eindrücklich, das wollte ich schon lange. Jahrelang hatte ich alles aufgeschrieben, was mir brauchbar und wichtig erschien und was mich bewegte. Ich beobachtete genau, las viel, auch über das Schreiben selbst, sammelte interessante Zeitungsartikel, machte Notizen. Begonnen hatte ich mit Kurzprosa, die oft nur eine Seite lang war. Dann folgten Kurzgeschichten von sechs, zehn oder zwölf Seiten. Etliche davon wurden veröffentlicht, und ein Erzählband mit 20 Geschichten von mir erschien, so dass der Wunsch, "etwas Größeres" in die Welt zu setzen, eigentlich die logische Folge war. Wann das sein würde, worum es gehen sollte und vor allem, ob mein "Schreibatem" dafür ausreichen würde, war für mich allerdings lange Zeit die große Frage.

Eines Tages dann der entscheidende Anstoß bzw. das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt.

Ich bekam "Erklärt Pereira" von Antonio Tabucchi in die Hände und war wie elektrisiert. Von dem Buch sprang ein so mächtiger Funke auf mich über, dass ich mich an den Computer setzte, um meinen Roman zu schreiben, kaum dass ich das Buch ausgelesen hatte. Ich ahnte nicht, dass das Ganze für mich zu einem Abenteuer wurde, dass mich viele Jahre auf Trab halten würde, ja fesselte, und mir unglaublich viel Durchhaltevermögen, Kleinarbeit, Überarbeitungen und noch mehr Geduld abverlangte.

Zuvor hatte ich weit über ein Jahrzehnt lang mit älteren und alten Leuten gearbeitet und Menschen kennengelernt, die für mich in vielerlei Hinsicht zum Vorbild für intensiv gelebtes, aktives und würdevolles Alter wurden, ohne dabei die Schattenseiten und Zumutungen des Altwerdens zu übersehen. Ich war fasziniert - das war mein Thema, denn längst schon hatte ich akzeptiert und verinnerlicht: Schreib über das, von dem Du etwas verstehst.

Für "Tanz ins letzte Drittel" konnte ich neben vielen Erfahrungen und Ideen also auch auf Notizen, Aufzeichnungen und Angefangenes zurückgreifen. Trotzdem dauerte das Herauskristallisieren einer tragfähigen Geschichte, das Aussortieren, Weitererzählen, Ergänzen und vor allem das Ausarbeiten der Hauptcharaktere bestimmt zwei Jahre. Faszinierend für mich war dabei, dass die Geschichte und die Protagonisten sich keineswegs an meinen eingangs zurecht gelegten Plan hielten, sondern zu meiner Überraschung eigene, nicht vorgezeichnete und mir zum Teil völlig fremde Wege gingen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihnen staunend zu folgen und mich führen zu lassen. Schließlich ging es nicht um mein Leben, sondern um das der Romanfiguren. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dies die für mich leichteste Phase des Schreibens war.

Nun standen also die Grundmauern, der "Rohbau" meines Romans, und ich empfand ein großes Glücksgefühl. Geschafft, endlich!

Getragen von diesem Hochgefühl gab ich das Geschriebene zum ersten Mal einer Freundin zum Lesen. Natürlich in der Hoffnung, dass sie von meinem Werk, meinem Schreibstil und meinen Figuren Maximilian und Mathilda ebenso begeistert war wie ich selbst. Die Freundin, eine ausgesprochene Leseratte, druckste schon bei dem Thema herum: "Ausgerechnet das Alter machst du zum Thema", sagte sie mit sorgenvollem Blick, "davon will doch kein Mensch was wissen."

Ich war überrascht und gewarnt zugleich und wartete mit nervöser Spannung auf ihre Meinung nach dem Lesen. Zum Glück war sie ehrlich. Mein Stil und hintergründiger Humor gefielen ihr genauso wie bei meinen Kurzgeschichten, sagte sie, in "Tanz ins letzte Drittel" aber seien ihr bestimmte Passagen zu langatmig und die Charaktere seien für sie nicht plastisch genug herüber gekommen. Welch wertvolle Kritik, wie ich damals schon ahnte und heute weiß. Erst einmal aber war ich bedient und schloss die Schublade mit dem Roman. Allerdings nur, um Abstand zu gewinnen und sie nach geraumer Zeit wieder zu öffnen und mich erneut an die Arbeit zu machen.

Es folgten harte Jahre. Zigfache Überarbeitungen, andauernde Zweifel, Mutlosigkeit, neue Anfänge, lange Pausen, Feinarbeit, Streichen von überflüssigen Adjektiven, Perspektiven-Wechsel, Hinweise und Kritiken von Freunden, erneutes Überarbeiten. Insgesamt hat mein Roman viele Metamorphosen durchlaufen, bis ich es wagte, mich damit an Verlage zu wenden.

Nach mehreren Absagen von großen Verlagen, nahm ich frustriert zwei oder drei Passagen aus dem Roman heraus und verarbeitete sie zu Kurzgeschichten, meinem eigentlichen Terrain. Sie wurden allesamt gedruckt, was Balsam für meine Seele war und mich zum Durchhalten und Weitermachen am Roman motivierte. Tatsächlich trat über eine dieser Kurzgeschichten dann ein Verleger an mich heran, der "Tanz ins letzte Drittel" drucken wollte. Ich führte Freudentänze auf und warf mein verdutztes Enkelkind durch die Luft.

Doch die Freude fand ein jähes Ende, als ich den Verlagsvertrag in den Händen hielt. Honorar sollte es keines geben, nicht mal 100 oder 200 Euro. Ab der zweiten Auflage dann doch, obwohl ich nie eine Auskunft bekam, wie hoch die erste Auflage denn überhaupt sein sollte. Ich kannte mich im ganzen Buchgeschäft inzwischen so weit aus, dass ich zu wissen meinte, was das bedeutete. Bei einem Erstlings-Roman, dazu mit dem eher ungeliebten Tabuthema Alter, war eine zweite Auflage in einem Kleinverlag illusorisch. Ich lehnte ab, und der Verleger wandte sich anderen Projekten zu.

Ziemlich desillusioniert, aber nicht gänzlich ohne Hoffnung, stellte ich meinen Roman mit einem Exposé auf der Internet-Seite www.romansuche.de vor. Dort können interessierte Verlage nach für sie interessanten Manuskripten suchen. Und tatsächlich meldete sich nach einigen Monaten die Mitinhaberin eines Kleinverlags bei mir. Ich schickte ihr das gesamte Manuskript zu, und ihr gefiel es. Im Juli 2006 schlossen wir einen Verlagsvertrag, wonach das Buch im Dezember 2006 erscheinen sollte. Aber noch einmal vergingen eineinhalb Jahre, mit vielem schriftlichen Hin und Her, Überarbeitungen, Meinungsverschiedenheiten, Cover- und Titelfragen und und und, bevor "Tanz ins letzte Drittel" nun - im Jahre 2008 - endlich in gedruckter Form vorliegt.

Die Spannung bei mir, wie meine Herangehensweise, mein Schreibstil und das Thema aufgenommen werden, ist unbeschreiblich. Und ich freue mich riesig auf die unterschiedlichsten Meinungen, Anregungen und Kritikpunkte.


Heide Floor