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"Im Alter bereut man vor allem die Sünden, die man nicht begangen hat" (W. S. Maugham).

Roman
Hardcover - 17,95 Euro
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Dass eine neue Liebe alles umwerfen und ebenso rücksichtslos wie der Tod sein kann, erfährt Maximilian Specht ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als für ihn und seine Frau Mathilda die Frage immer drängender wird, wie und wo sie ihren Lebensabend verbringen wollen.
Ein einfühlsam erzählter Roman über die Tücken und Zumutungen des Alters, über Trauer und Tod - aber auch über Lebenslust, Begehren und große Gefühle, die einfach nicht konsequent genug mitaltern wollen.
Leseprobe
So sehr Maximilian Specht sich auch ärgerte, seine Gedanken gehorchten ihm nicht, sprangen immer wieder zu Barbara. Er spitzte zwei Bleistifte, legte sie vor sich hin und nahm sich den Stapel mit Papieren vor, die er alle nur flüchtig angesehen und seit Tagen einfach übereinandergeschichtet hatte. Wie würde er vor Mathilda dastehen, seiner Frau? Vor ihrem Strahlen, das ihn an Tagen wie dem heutigen, einem lausigen Tag mit hartnäckigen Regen, wärmte und aufheiterte? Er griff die Reihe mit Nachschlagewerken heraus, staubte sie ab und stellte sie Rücken an Rücken wieder auf. Andere Frauen hatten ihn nie sonderlich interessiert oder aus dem Gleichgewicht bringen können. Sein ganzes Leben lang hatte er sich nur ungern von seiner Arbeit und seinen Büchern abhalten lassen. Und nun konnte er an nichts anderes denken als an diese Barbara. Abrupt schob er den ausgebreiteten Papierstapel zusammen, stopfte noch hervorstehende Ecken hinein und lief mit kurzen, schnellen Schritten durch den Raum. An der Tür lauschte er einen Moment auf den Flur und sah auf die Uhr. Es war noch Zeit bis zum Abendessen. Trotzdem ging er zu seinem Schreibtisch, holte das Schild mit dem Bitte-Nicht-Stören hervor und hängte es draußen an die Tür. Sechs Jahre lebte er nun mit Mathilda zusammen. Heiraten kam wegen Mathildas Witwenrente nicht in Frage. Eheringe hatten sie sich allerdings gekauft und ausgetauscht. Specht hätte Mathilda von Anfang an lieber geheiratet, also sprach er auch konsequent von "meiner Frau". Aber sie hatte die höheren Einkünfte, ihr gehörte das Haus. Vorsorglich sah er die Treppe hoch, bevor er die Tür schloss. Mathilda würde nicht hereinkommen, wenn sie das Bitte-Nicht-Stören-Schild sah. Es war seine eigene Unruhe, die ihn zur Vorsicht drängte. Mathilda würde sich höchstens wundern, dass er das Schild in letzter Zeit immer häufiger an die Tür hängte. Aber sie wusste um seinen Ärger mit dem Computer und würde die stille Aufforderung, obwohl an sie gerichtet, seinem Verdruss mit dem Computer zuschreiben und, wie er sie kannte, augenzwinkernd darüber hinwegsehen.
Er nahm einen Stuhl, stellte ihn vor den Kleiderschrank und stieg hinauf. Den leichten Schwindel dabei ignorierte er, so gut es ging. Vorsichtig zog er einen kleinen Koffer unter einem größeren hervor, hielt sich mit einer Hand an der Lehne fest und stieg wieder hinunter. Wieder lauschte er an der Tür den gedämpften Geräuschen aus Mathildas Wohnung. Am liebsten wäre er ganz zu Mathilda in den ersten Stock gezogen. Er war ein Wir-Mensch mit ausgeprägten Zugehörigkeitsgefühlen, wenn auch nur für eine Person, eine geliebte Person. Doch Mathilda hatte ihm seinerzeit die Wohnung im Erdgeschoss angeboten, und dabei war es geblieben. So hantierten sie seit Jahren zusammen in zwei Wohnungen, es war ein ständiges Kommen und Gehen zwischen oben und unten und unten und oben. Sie aßen zusammen, und sie schliefen meist auch zusammen, oben bei Mathilda. Wozu dann noch die beiden verschiedenen Namen an den Briefkästen?, die wirkten lange Zeit störend auf Spechts Innenleben. So etwas machte sich bei alten Leuten nicht gut vor den Nachbarn, auch nicht vor der Briefträgerin, die mit der Zeit sowieso immer öfter seine wie auch Mathildas Post zusammen in einen der beiden Briefkästen an der Haustür warf. Für seine Bibliothek hätte sich auch oben eins der zahlreichen Zimmer leer räumen lassen.
Specht legte den Stapel mit unerledigten Papieren auf die Erde, wischte mit dem Ärmel über den Schreibtisch und stellte den Koffer darauf. Erst kürzlich hatte er ihn besorgt, wegen des Sicherheitsschlosses. Unter den vielen Taschen und Koffern, die bei ihm herumstanden, war der neue nicht weiter aufgefallen. Erschreckend viele seiner Ansichten hatten die Briefe dieser Barbara zu Schnee von gestern gemacht. So legte er es geradezu darauf an, morgens als erster bei den Postkästen zu sein, um eilig die Sendungen herauszunehmen und auf einen Brief von Barbara hin abzusuchen. Nicht auszudenken, was passierte, wenn Mathilda einen solchen Brief in die Hände bekäme. Er fühlte sich außerstande, ihr eine plausible Erklärung zu geben. Sah er die Postbotin die Straße entlang kommen, fing er sie am Gartentor ab, und bei nächster Gelegenheit wollte er sie darum bitten, seine Post wieder in seinen und zwar nur in seinen Kasten zu werfen. Er strich über das weiche Leder des Koffers und wählte die Zahlenkombination. Ursprünglich hatte er seine Geburtsdaten eingegeben, doch dann überlegte er es sich anders. Die jetzigen Zahlen hatten nichts mit ihm zu tun und ließen sich gut merken. Er schrieb sie auf ein Stückchen Papier und schob es unter den Kalender auf seinem Schreibtisch. Nachdem er sich die Zahlen ein paarmal vor dem Schlafengehen leise vorgesagt hatte, holte er den Zettel unter dem Kalender hervor und zerriss ihn. Der Koffer öffnete sich mit vertrautem Klicken. In Spechts Zügen spiegelte sich Erstaunen, Freude und Angst, alles in rascher Folge. "Ach Gott", sagte er, "musste das sein?"
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