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"Eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, an der man sehr lange arbeiten muss, bis sie kurz ist." (Vicente Aleixandre, Literaturnobelpreisträger 1977)


Folgende Geschichte  ist 2010 in dem Sammelband "Krimis aus dem Weserbergland" erschienen.


Friedliche Gegend

"Also, je tiefer wir in den Wald kommen", sagt Gundis mit einem undurchsichtigen Lächeln auf den Lippen, "desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir mal eine Leiche finden - versehentlich."
Ihre beiden Begleiterinnen starren mit verdüsterten Mienen auf Gundis, die mit Unschuldsmiene zurückstarrt und sagt: "Ist doch die ideale Gegend hier - die Weser, der viele Wald. Kommt nur!" Es riecht nach Laub und nassem Holz.
"Du hast sie ja nicht mehr alle", sagt Conny entgeistert, "eine Leiche!" Sie hebt drohend ihren Knirps und rennt an Gundis vorbei an die Seite von Bea. Dabei wird ihr Blondhaar vom Wind in die Höhe getrieben.
Gundis greift unter die Träger ihres Rucksacks und schließt schnaufend zu den beiden auf. "Also", sagt sie, während Conny und Bea sich vielsagende Blicke zuwerfen, "mal ehrlich, wo würdet ihr denn jemanden beiseite schaffen, den ihr umgebracht habt? - Ich wüsste es! Diese Abgeschiedenheit lädt doch regelrecht dazu ein." Sie zückt ihre Kamera und fotografiert einen frisch geschlüpften Fliegenpilz.
Bea klopft sich mit ihrem Skizzenheft auf den melierten Schopf. "Du wüsstest was?" fragt sie mit schiefem Blick auf Gundis, und nach einer Pause, in der spürbar Spannung aufkommt: "Hast du etwa?"
In der Ferne ist das klagende Jaulen eines Hundes zu hören.
"Hältst du mich für so bescheuert", fährt Gundis sie an, "dass ich euch das brühwarm auftischen würde?" Ihre Regenhaut knistert bei jedem Schritt leise mit.
Bea, einmal misstrauisch geworden, lässt nicht locker: "Dein Kerl ist doch damals nie wieder aufgetaucht", drängt sie, und ihr anfangs nachdenklicher Blick ist einem todernsten gewichen, "wollte er nicht Pilze suchen?"
Nun hakt auch Conny nach, deren Gesicht binnen kurzer Zeit jegliche Farbe verloren hat. "Langsam kapiere ich", sagt sie zu Gundis, "deshalb wolltest du wohl auf Teufel komm raus in diese Gegend? Verbrecher zieht es bekanntlich immer wieder an den Ort..." Sie sieht mit aufgerissenen Augen auf Gundis, die einfach weitergeht und sagt: "Manche gehen Zigaretten holen und tauchen nie wieder auf, andere verschluckt halt der Wald."
Bea verdreht die Augen, zerrt ihr Tuch vom Hals und knüllt es in die Jackentasche. Dabei fällt ein zerkauter Bleistiftstummel zu Boden. "Pardon", stammelt sie, "aber ich habe seit Jahren nichts Gescheites mehr gemalt."
"Frauen töten meistens mit Gift", grummelt Conny in diesem Augenblick.
Gundis sieht sie strafend an: "Verflixt, Conny, ich habe nichts weiter gesagt, als dass es meist ahnungslose Wandererinnen oder Pilzsammler wie wir sind, die Leichen finden." Ringsherum merkwürdig verhaltenes Vogelsingen.
"Mit Pilzen hast du es jedenfalls," meldet sich Bea zurück, die den zerkauten Bleistift blitzschnell hat wieder verschwinden lassen, "aber du behauptest ja steif und fest, dass du die Pilze nur fotografierst oder daran herumschnupperst. Meine Güte, Gundis, das könnte glatt vom berühmt-berüchtigten Lügenbaron stammen."

Haarfeiner Nieselregen setzt ein. Conny spannt ihren Knirps auf, sieht in den Himmel, und macht ihn gleich wieder zu. Eine Zeitlang sind nur die gedämpften Schritte der drei Wanderinnen zu hören. Gerade als Gundis eine kleine Lichtung für eine Rast im Blick hat, hat Bea es plötzlich eilig, schert zur Seite aus und sagt: "Ich verschwinde mal eben." Die beiden anderen nicken verständnisvoll.

"Wo bleibt sie denn heute nur?" fragt Gundis nach geraumer Zeit, das dauert ja ewig. Also, ich kann nur hoffen, dass Bea nicht aus Versehen ..."
"Du machst mich ganz kribbelig", unterbricht Conny sie, "das ist Inkontinenz und sonst gar nichts, verstanden?" Ihre Augenbrauen bilden zwei erzürnte Halbmonde.
"So lange hat sie jedenfalls noch nie gebraucht", meint Gundis mit verfinsterter Stimme.
Conny fuchtelt mit ihrem Schirm vor Gundis' Nase herum. "Mensch Gundis", faucht sie, "andere haben Stroh oder Blödsinn im Kopf, du Morde und Leichen."
"Schon gut!" versucht Gundis die Stimmung zu entschärfen, "ich kann doch nichts dafür, dass ..."
"Hör auf!" faucht Conny, schüttelt Blondschopf und Knirps gleichzeitig und sagt: "So weit kommt es noch, Gundis, in so einer friedlichen Gegend." Hoch droben rücken ein paar Wolken beiseite und geben ein Stück dunstiges Nachmittagsblau frei.
"Hast du friedlich gesagt? Conny, Conny!" spottet Gundis, "gar nicht weit von hier hat ein Flötenspieler die Kinder einer ganzen Stadt verschleppt. Schon vergessen?"
"Und weiter oben, beim großen Hermann liegen Legionen von Römern begraben", regt Conny sich auf, "sonst noch was?"
Gundis nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und späht mit zusammengekniffenen Augen in die Gegend. "Hör zu, Conny, hier stimmt was nicht, also ...". Sie verstummt als sie in Connys bleiches Gesicht sieht und marschiert entschlossen auf die kleine Lichtung.
"Hast ja recht", flüstert Conny kleinlaut, "sie müsste längst wieder hier sein." Ihr Kinn zittert, als sie sich dicht an Gundis hängt, die ihren Rucksack auf einer kleinen mit Gras überwachsenen Erhebung abstellt. Neben ihnen beben winzige Wasserperlen in einem zerissenen Spinnennetz. Gundis geht auf eine junge Buche zu. "Sieh mal", sagt sie zu Conny und deutet auf eine Einkerbung, "hier hat jemand ein Zeichen hinterlassen."
"Nicht Bea", winkt Conny ab, "ist zu verwachsen." Plötzlich hebt sie die Nase und sagt mit belegter Stimme: "Mensch Gundis, da verbrennt doch jemand was, mir wird ganz flau im Magen." Laub raschelt unter ihren Füßen und kleine Zweige knacken.
"Leichen werden meist vergraben", entgegnet Gundis trocken, "Rauch ist meilenweit zu sehen."
"Du machst mich wahnsinnig", stößt Conny hervor und starrt wie hypnotisiert zu ihren speckig gewordenen Hosenrändern hinunter. Der Boden der Lichtung ist nachgiebig, der Bewuchs klein und unübersichtlich.

"Da!" ruft Gundis plötzlich und deutet auf einen Moosteppich, "sieh nur!"
Connys Blicke folgen Gundis' ausgestrecktem Finger. Auf dem Moos leuchtet irgendetwas, was dort nicht hingehört.
Conny bleibt wie angewurzelt stehen und starrt mal auf die Gänsehaut auf ihrem Handgelenk, mal mit großen Augen zu Gundis. Diese drückt einen Heidclbeerstrauch zur Seite und betrachtet den Fund mit gerunzelter Stirn. "Beas zerkauter Bleistift", raunt sie Conny zu. "Sie ist hier gewesen und nicht zu uns zurückgekommen. Tut mir leid Conny, aber es sind nun mal Leute wie wir, die Leichen finden. Also, wir müssen darauf gefasst sein, dass es diesmal Bea erwischt hat."
Erschüttert drückt Conny ihren Knirps vor den Bauch. "Arme Bea", flüstert sie und zuckt zusammen, als ein heftiger Wind in die umliegenden Baumwipfel fährt.
"Also, ich sage dir", raunt Gundis mit Grabesstimme, "Bea hat eine Leiche oder Teile davon gefunden, einen Schock bekommen ..."
"Welche Bea?" fragt Bea, und kommt mit Spinnweben in den melierten Locken aus dem Gebüsch. "Seht mal hier, Mädels, was ich gefunden habe", ruft sie mit Glanz in den Augen. Sie hält einen Pilz von rücksichtsloser Hässlichkeit in die Höhe: Ein wahrer Riese, zerfressen von allen Seiten, unterhöhlt von vielerlei Getier. In der anderen Hand hält sie einen neuen Bleistift und ihren Skizzenblock, auf dem das Ungetüm von Pilz schon zu erkennen war.
"Was?" fragt Conny genauso fassungslos wie erleichtert, "du hast dich seelenruhig ins Gebüsch verdrückt und Pilze gemalt, während wir uns zu Tode gesorgt haben?"
"Versteht ihr nicht, strahlt Bea, "ich kann wieder malen, diese Gegend hat es in sich, Mädels!" Aufgewühlt fällt sie erst der nach Luft ringenden Conny und dann der versöhnlich grinsenden Gundis um den Hals. Die Sonne zwinkert durchs Gezweig, und vom Boden steigt diesiger Dampf auf. Die Lichtung wirkt wie verzaubert.
Conny atmet befreit durch und stellt ihren Rucksack auf die kleine Erhebung neben den von Gundis. Sie legt ein farblich auf ihren Knirps abgestimmtes Taschentuch daneben und setzt sich. "Pause!" ruft sie und beißt in ihr Butterbrot. Ihre Wangen haben wieder Farbe bekommen.
"Ich werde ein großes Gemälde malen, Mädels", strahlt Bea mit feuchten Augen, während sie ihr Sitzkissen ausbreitet, "nein, nicht eins - Hunderte."
Inzwischen fotografiert Gundis mit Hingabe das Ungetüm von Pilz. Dann zieht sie ihre Regenjacke aus, knüllt sie zu einem Kissen zusammen und setzt sich zu den anderen. Als sie sich an Bea wendet, bekommt ihre Stimme einen gierig lauernden Unterton: "Du hast deine Skizze, Bea, und alles, was du sonst noch brauchst, jetzt bin ich dran, abgemacht?" Ohne ein Wort abzuwarten, holt sie einen kleinen Beutel aus ihrem Rucksack und sackt den Pilz ein. "Zum Schnuppern in harten Zeiten", lächelt sie vielsagend.

"Ich kann wieder malen!", kann Bea sich immer noch nicht einkriegen, "Mädels, ich kann wieder malen!" Als sie ihre Brotdose zuklappt und leichtfüßig aufsteht, hakt Conny sich bei ihr ein. Mal lachend, mal trällernd brechen die beiden auf.
Gundis lässt sich noch einen Moment lang Zeit. Sie sammelt ein paar Papierreste zusammen und streicht dabei fast zärtlich über den spärlichen Bewuchs der kleinen Erhebung. Bevor sie Bea und Conny folgt, lässt sie unauffällig ein getrocknetes Moosröschen zurück.

Heide Floor



Rolf-Wilhelms-Preis - November 2006

Kurzgeschichten-Wettbewerb des DRK Hameln zum Thema "Menschlichkeit" - Preisverleihung




Von links: Dr. Uta Opel (3.Preis), Simone Thiele (2. Preis), Heide Floor (1. Preis), M. Blankenagel (stv.Vorsitzende DRK Hameln)





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Eine Rose bleibt eine Rose. 6. Preis beim Kurzgeschichten-Wettbewerb der Stadt Völklingen zum Thema "Schmunzelgeschichten", 2002




Eine Rose bleibt eine Rose

Seit frühester Kindheit übersah Anne Rose ihren zweiten Vornamen geflissentlich, um genau zu sein, sie verabscheute ihn.
Wozu zur Anne auch noch die Rose?
Derart blumige, veredelte Weiblichkeit war ihr schlichtweg zu viel des Guten, und wie ein Seismograph registrierte sie in allerlei Gebaren und Alltagsdingen von Anfang an die versteckten Anspielungen und Erwartungen, die mit diesem Namen an sie gerichtet wurden: Entzückend sei die Anne Rose, makellos und edel. Anne holte tief Luft und sah aus dem Fenster. Keine Kontrollen mehr, keine Schnüffeleien. Die Grenzen in den Osten seit Ewigkeiten offen, nichts mehr von Staunen, Raunen und Bananen. Der Zug schnurrte seidig über tadellose Schienenstränge.

Kein Wunder also, dass Anne auch für wirkliche Rosen nichts übrig hatte. Zu unangreifbar schön waren sie ihr, eine Augenweide halt, die dies und jenes nicht vertrugen, eine Sonderbehandlung brauchten und trotzdem schnell hinüber waren. Und wehe, es wagte jemand, ihr mit Teerosen oder Baccara zu kommen, oder war gar so dreist, sie Anne Rose statt Anne zu nennen. Draußen vorbeihuschende Baugerüste, ein aufgebockter Trabi, irgendeine Uniform. Schnell ein Griff in die Tasche, hatte sie ihn überhaupt dabei, ihren Ausweis? Unausrottbare Ängste und Gewohnheiten von anno dazumal.
Nichts mehr von einem Uniformzipfel, statt dessen funkelten Annes Augen beim Blick auf die Ausweiskarte gefährlich auf. Genau so unmissverständlich wie bürokratisch exakt leuchtete ihr ihr Name ins Gesicht, mit angehängter Rose, versteht sich. Jahrelanges Zu-Tode-Schweigen, geschickteste Abkoppelungsmanöver, Gewaltandrohungen und sonstnochwas, alles war vergebliche Liebesmüh, wenn die schwerfälligen Behörden am Zuge waren. Da bleibt eine Rose, tot oder lebendig, auf ewig eine Rose.
Schlagartig sammelten sich alle Rachegelüste der Welt in Anne. Wenn schon Rose, verflixt noch mal, dann gefälligst auch Dornen. Wie auf Kommando sprangen die vielen kleinen, stechenden Dinger auf, die eine Rose nun mal mit sich trägt, spitzten sich zu, sammelten sich in Annes Augen und Kehle, drängten auf Genugtuung.
Ein Opfer musste her, und zwar schnell.Und mit jedem links liegengelassenen, einsam und grau vor sich hin brütenden Bahnhof stieg der Druck, bohrten die Dornen.
Gefährlich gerötet inzwischen Annes Gesicht. Dünn und dünner wurde die Haut. Darunter brodelte es in immer heftiger werdenden Bewegungen. Ein leises Ratschen, die ersten Laute, der aufgesperrte Mund, und auf einer Woge von Unerbittlichkeit schoss es über ihre Lippen: Hanselmann.
Ab sofort und ohne Wenn und Aber hieß der West-Ost-Hans für sie jetzt Hanselmann. Schließlich war er ihr der Nächste und Rache seit langem fällig. Erstens, weil er sich in den Osten abgesetzt und sie in diesem puppenstubenhaften Celler Fachwerk hat sitzen lassen. Zweitens, weil schon Annes Tante Rosalinde ihren Frust über ihren baumrosa Namen an sie, Anne, weitergegeben und sie bei den unmöglichsten Gelegenheiten Röslein genannt hatte. Zur Strafe, manchmal gab’s halt doch Gerechtigkeit, sah die Tante sich die Welt inzwischen von oben an. Höchste Zeit, dass endlich auch Hanselmann sein Fett abbekam.

Weltoffen und schnittig der neue Bahnhof. Prall mit Menschen gefüllte Rolltreppen, Unmengen von Glas und Chrom. Neongeschillernde Reklame.
Gefallen würde Hanselmann sein neuer Name garantiert nicht. Klang arg nach Hanswurst. Anne musste sich anstrengen, nicht wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen, als sie aus dem Zug stieg.

"Oho, schau an, ganz schön zugelegt hat meine Liebe!" rief Hans und packte ihren Koffer ins Auto, "wie soll ich dich denn da noch über die Schwelle tragen?"
"Du?" fragte Anne gereizt, "mich?" Das pieksende Lauern in ihren Augen verstärkte sich.
"Hast du dich nicht abgesetzt, dieser auf jung getrimmten Verfallsschönheit wegen?"
Sie schnippte mit einer heftigen Handbewegung nach der umliegenden Architektur. "Nun kipp bloß nicht um, mein lieber Hanselmann ..."
Wumm, da war es heraus: Hanselmann!
Von der Erregung ohne Umwege nach oben gespült. Anne spürte, wie sich ihre Nackenhärchen aufrichteten und zog vorsichtshalber den Kopf zwischen die Schultern. So wie sie selbst niemand ungestraft Anne Rose nennen durfte, so ließ sich kein Hans der Welt ungestraft Hanselmann nennen. Davon war sie überzeugt. Felsenfest. In weiser Voraussicht rief sie nach ihrer kleinen Dornen-Armee. Die stand augenblicklich wie eine Eins an ihrer Seite, blitzte spitz aus ihren Augen, zu allem bereit.
Derart abgesichert riskierte Anne einen ersten vorsichtigen Blick in Hanselmanns Gesicht - und erstarrte. Unzählige Lachfältchen bündelten sich wie Spinnenbeine um seine Augen. Beben und Leben bis zu den gespitzten Ohren hin, ja, selbst die Haare rüsselten sich vor Vergnügen ineinander. Anne verdrehte die bis an die Zähne bewaffneten Augen und kniff sich vor Verzweiflung in den Bauch, als Hanselmann mit melodisch-melancholischem Unterton in der Stimme echote: "Hanselmann? Wie kommst du auf Hanselmann?"Der Verkehr hatte beängstigend zugenommen, die Größe der Autos auch, wie dunkle, schnelle Winterwolken kamen sie herangeschwappt. An den Ampeln Männchen und Pfeile in trauter Zweisamkeit.
Während Anne das dumpfe Gefühl hatte, dass ihr sämtliche Rache-Felle davon schwammen, hörte sie es genüsslich-versonnen tönen: "Weißt du, wann ich das letzte Mal Hanselmann gerufen wurde?"
Nun war es keine Frage mehr, der Schlakskerl an ihrer Seite war sonstwo, vielleicht in irgendeiner Celler Fachwerkritze oder in einem muffigen Kuhstall, auf keinen Fall hier im herausgeputzten Osten.
Losjaulen hätte Anne können. Wollte nicht hören, wann und wo Hans Hanselmann gerufen wurde, ob er zwei oder fünf Jahre alt war. Verflixt und zugenäht, sie wollte ihren Frust loswerden, sich rächen wie Tante Rosalinde und nicht in irgendwelchen lauwarmen Vergangenheiten herumstapfen. Ließ sich dieser ausgewachsene Kerl von Einsneunundachtzig doch tatsächlich blanken Auges Hanselmann rufen, anstatt vor Wut blau anzulaufen. Da versuchte sie ein Leben lang, ihre Rose abzuhängen, und dieser Hanselmann, dieser Hanswurst, dieser, dieser ...
Außer sich riss sie die Tür auf, als er mit quietschenden Reifen am Straßenrand hielt. Auch hier nur Eile und mit Plastiktüten zugehängte Menschen. Wozu dann überhaupt noch Ost und West?
Anne zuckte zusammen, als das einst gestandene Mannsbild namens Hanselmann wie ein wild gewordener Handfeger an ihr vorbei hetzte, schnurstracks in einen Blumenladen hinein.
"Göttin", rief Anne und richtete die Augen in das nächstbeste, äußerst mickrige Ahorngezweig, "steh mir bei!"
Anne schleuderte ihre Dornenblicke einem erschrocken zur Seite springenden Fußgänger ins Gesicht. Vergissmeinnicht, Flieder oder jede Menge exotisches Gestrüpp, all das gab’s zu kaufen, massenhaft, auch hier im Osten. Nein und nochmals nein! Aber Anne wusste es, wusste es längst, wusste blind und ohne hinzusehen, was dieser Kerl, dieser ... dieser Hanselmann ihr ans Herz legen würde: Rosen.

Heide Floor