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"Es sind immer die Träumer gewesen, die die Welt wirklich vorangebracht haben." (Terry Pratchett)

Bei meinen Kinder-Geschichten handelt es sich um die Abenteuer eines neugierigen Jungen, der die Fähigkeit hat, sich zusammen mit seiner vorwitzigen Ratte Chilly-Kuck dorthin zu träumen, wo es phantastisch und spannend ist, und wohin die meisten Erwachsenen ihm nicht mehr folgen können.
Eine Geschichte stelle ich hier vor:
Piratenjagd
Dany war ein neugieriger Junge, der viel fragte und redete und alles erklärt haben wollte, so dass sich die Erwachsenen anstrengen mussten, um seinen großen Wissensdurst zu stillen. Doch von klein an gab es auch Zeiten, wo Dany ganz still wurde, seine Augen in die Ferne schweiften und einen verträumten, abwesenden Ausdruck bekamen. Pssst, hieß es dann, Dany träumt mal wieder.
Um sich ungestört dorthin träumen zu können, wo es schön und aufregend war, und wohin die meisten Erwachsenen ihm nicht mehr folgen konnten, verkroch Dany sich zusammen mit seiner grauweißen Ratte Chilly-Kuck mal hinter dem Komposthaufen im Garten, mal zog er sich einfach die Mütze oder Bettdecke über den Kopf. Mit Hilfe seiner Traumfee Fluxx erlebte er so die ungewöhnlichsten und spannendsten Abenteuer.
Eines Tages bastelte Dany sich eine Augenklappe. Dazu schnitt er ein rundes schwarzes Stück Pappe aus, schnitt mit der Schere an zwei Seiten einen kleinen Schlitz hinein, durch das jeweils ein rotes Band gezogen wurde. Anschließend wurden die Bänder an seinem Hinterkopf zu einer Schleife zusammen gebunden. Dany sah sich mit dem frei gebliebenem Auge im Spiegel an und war begeistert. "Ahoi, ahoi!" rief er und wünschte sich von Traumfee Fluxx nichts sehnlicher, als einmal auf einem prächtigen Piratenschiff mitzusegeln. Seine Ratte Chilly-Kuck steckte ihren weißen Kopf aus seiner Jackentasche und schnupperte aufgeregt. "Nimm mich mit", flüsterte sie, "das kann gefährlich werden."
Kaum fand Dany Gelegenheit, sich in eine stille Ecke zu verkriechen, da hörte er schon einen Seeräuber vom Mastkorb rufen: "Schiff in Sicht, Schiff in Sicht!"
Kapitän Baum stand auf der Kommandobrücke des Seglers "Sturmwind" und nahm das Fernglas, um das fremde Schiff in Augenschein nehmen zu können. Weil er ein baumlanger Kerl war und alle anderen weit überragte, wurde er nur "Käpt'n Baum" genannt. Seinen richtigen Namen wusste niemand, nicht mal er selbst. Er beugte sich zu Pirat Dany und sagte: "Hier, ein Krummsäbel für Dich, aber bleib in meiner Nähe." Augenblicklich war von Chilly-Kuck nichts mehr zu sehen. Mit der rachsüchtigen Mannschaft des näher kommenden Schiffs "Giftgrüne Schlange", hatte schon Käpt'n Baums Vater immer wieder Kämpfe ausgetragen. Sie waren sich spinnefeind.

Piratenchefin Aribella sprang herbei und zog ihr rotes Tuch fester um den Kopf. "Macht euch bereit", trieb sie die übrigen Piraten an, die "Giftgrüne Schlange" ist in Sichtweite, ihr wisst, was das bedeutet." Die Füße von siebzehn Piraten, darunter auch ein Holzbein, stampften über das Deck von "Sturmwind" und brachten sich in Stellung. Rasch verzogen sich alle Mäuse und Ratten in die hintersten Winkel des Schiffes. Dany erstarrte, als eine fette graue Schiffsratte direkt über seinen Fuß lief. "Die tut dir nichts, Dany, wenn du ihr nichts tust", lachte Piratenchefin Aribella. "Aber pass auf Chilly-Kuck auf, die ist den Grauen gewiss ein Dorn im Auge!" Auf Aribellas Schulter hüpfte ein Papagei mit furchteinflößend krummen Schnabel von einem Bein aufs andere und kreischte: "Ahoi, ahoi!"
Mutig stimmte Dany ein: "Ahoi, ahoi!", während Chilly-Kuck vorsichtig ihre Nase aus seiner Jackentasche steckte, schnupperte und zischelte: "Haben die Riesenviecher mir einen Schrecken eingejagt!" Noch nie hatte sie graue Artgenossen von sich gesehen oder gerochen. Seit ihrer Geburt lebte sie zusammen mit ihren zwei weißen Ratten-Schwestern bei Dany zu Hause.
Piratenchefin Aribella und Kapitän Baum ließen ihr großes Schiff so lange ohne Piratenflagge segeln, bis es nahe genug an der "Giftgrünen Schlange" war, um sie kapern zu können. "Seltsam", sagte Käp'ten Baum, legte das Fernrohr zur Seite und griff nach seiner Waffe, "von der Mannschaft der 'Giftgrünen Schlange' ist nichts zu sehen." "Nicht mal ein Späher im Ausguck", fragte Aribella, "eine Falle?"
Sie waren darauf eingestellt, dass auch ihr Schiff längst von der feindlichen Mannschaft gesichtet worden war, und dass es zu einem erbitterten Kampf kommen würde. Sie mahnten ihre Mannschaft zur Vorsicht, bevor Aribella rief: "Männer, hisst die Totenkopfflagge, wir greifen an!"
Sie zückte ihren Säbel, und Pirat Dany tat es ihr nach, obwohl sein Herz vor Aufregung heftig klopfte. Chilly-Kuck verkroch sich tief in seiner Jackentasche. Ronaldo, bärenstark und bester Werfer aller Zeiten, schmiss den Enterhaken über die "Giftgrüne Schlange", und alle anderen stürmten über die Reling und fuchtelten schreiend mit ihren Waffen herum.
"Kommt nur hervor, ihr Feiglinge!" riefen sie. So richtig geben wollten sie es den Mannen der "Giftgrünen Schlange" - noch ihren Enkeln wollten sie von ihrem grandiosen Sieg erzählen.
Doch bald schon ließ Käp'ten Baum verärgert seinen Säbel sinken, und nach und nach taten es die anderen ihm gleich. Auf den Planken, hinter Tauen und Fässern lagen, saßen oder taumelten die Seeräuber der "Giftgrünen Schlange". Sie waren stockbetrunken, lallten oder prahlten herum und zogen halbherzig ihre Schwerter, als sie den Überfall bemerkten. Nur um kurz darauf wieder in sich zusammenzusacken. "Gnade!" flehte einer, "Gnade!" Der dicke Knurrhahn, Kapitän der "Giftgrünen Schlange", schrie: "Ihr verdammten Halunken der Sturmwind seid es mal wieder." Ungeniert setzte er den Branntweinbottich an den Hals. "Macht euch davon, sonst kriegt ihr die Hucke voll!" Noch während er brüllte, kippte sein runder Körper über ein Fass und rutschte von dort aus langsam auf die Planke. Er und seine Mannschaft hatten am Morgen ein Handelsschiff geentert, und wie stets wurde der Raubzug ausgiebig gefeiert. Noch immer standen einige halb geöffnete Kisten mit Waren an Deck.
Kapitän Knurrhahn und sein Steuermann wurden vorsorglich am Mast gefesselt, da half auch ihr Fluchen nicht, die übrige Mannschaft in der Schiffskombüse eingesperrt. Singend stemmten Kapitän Baums Männer noch verschlossene Kisten auf und schafften Münzen, Branntwein und säckeweise Bohnen auf ihr Schiff. Piratenchefin Aribella befahl, auch einige schwarze und rote Stoffballen für neue Kleidung mitzunehmen. Währenddessen saß Pirat Dany mit seiner Augenklappe und dem Krummsäbel im Gürtel auf Käp'ten Baums Schulter und staunte, was alles aus einem solchen Schiffsbauch zu holen war. Immer wieder steckte auch Chilly-Kuck ihre Nase hervor, bald würde es Fressen geben, der Geruch war unverkennbar. Sie kroch an Dany empor und flüsterte ihm ins Ohr: "Hunger, ich habe riesigen Hunger."
Seit jeher war es Piraten-Ehrensache, dass der Jüngste der Mannschaft nach der Beutenahme die Gefangenen wieder freiließ. Daher zerschnitt Pirat Dany die Fesseln des gefangenen Kapitäns und Steuermanns. Wütend schrie der dicke Knurrhahn in Richtung Aribella und Käpt'n Baum: "Rache ist grausam wie mein Säbel, ihr Quallenverschlinger, nehmt euch in Acht, wir werden kommen!" Als Dany die übrigen Seeräuber aus der Schiffskombüse befreite, war Chilly-Kuck nicht mehr zu halten. Sie steckte ihren Kopf mal in diesen Sack, mal in jenen Topf, schmatzte genüsslich und schlug sich ordentlich den Magen voll.
Nachdem Kapitän Baums Mannschaft samt Beute wieder an Bord ihres Schiffes war, drehte es ab, und Piratenchefin Aribella rief nach dem Schiffskoch: "An die Arbeit, Zitterbart, wir sind hungrig wie ein Rudel Wölfe." "Eye, Eye, Käpt'n Aribella", beeilte sich Schiffskoch Zitterbart zu sagen und machte eine Verbeugung, "wie immer sieben Fische für jeden, einen Kübel Bohnen, und danach noch einmal die gleiche Menge." "Für mich bitte fünf große Pfannkuchen, Zitterbart!" rief Pirat Dany, "und nichts für Chilly-Kuck, die ist voll bis obenhin." Verdattert unterbrach der Koch ihn: "Pfannkuchen? Auf einem Piratenschiff? Beim Barte des Seeteufels, Pirat Dany, so was gibt’s hier nicht!"
"Vergiss den Branntwein nicht, Zitterbart", schnaubte Käpt'n Baum. Zitterbart machte erneut eine Verbeugung: "Eye, eye, Käpt'n Baum!"
Während der Schiffskoch sich an die Arbeit machte und die meisten Piraten schaurig schöne Lieder sangen oder schnarchten, segelte das Piratenschiff "Sturmwind" mit voller Kraft und eingezogener Flagge einer kleinen, geheimen Pirateninsel entgegen, die Siramur hieß. Die Piraten hatten reiche Beute gemacht und freuten sich auf ihr Zuhause, aber es würde noch Tage dauern, bis sie dort ankamen und ihre Kinder und Frauen wiedersahen.
Das laute Knurren seines Magens riss Dany aus seinen Traumgeschichten. Sein Hunger war so gewaltig, dass er unmöglich auf dem Piratenschiff bleiben konnte und Fisch und Bohnen essen sollte, bis "Sturmwind" bei der kleinen geheimen Pirateninsel angekommen war. Fünf riesengroße Pfannkuchen brauchte er jetzt, nichts als fünf riesengroße Pfannkuchen. Schnell setzte er Chilly-Kuck zu seinen beiden Schwestern in den Käfig und rannte zu seiner Oma, um mit ihr den Teig anzurühren.
Heide Floor

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